Best of Schüsselkar - "Locker vom Hocker", "Hexentanz der Nerven", "Friedenspfeife"

Die Südwand der Schüsselkarspitze ist ohne Zweifel eines der besten Gebiete für alpinversierte Kletterer in den Ostalpen. Seit  Beginn des Kletterzeitalters gab sich hier die Elite des vertikalen Sports die Klinke in die Hand. Es ist ihr nicht zu verdenken, denn der Fels ist ungewöhnlich fest, oft griffig, steil und Linien gibt es in der strukturierten Wand haufenweise. Außerdem ist das Ambiente unschlagbar und die südseitige Ausrichtung verspricht sonniges Klettervergnügen. Außer man hat Pech. Dann hängt bei schönstem Wetter der berüchtigte Schüsselkar-Nebel an der Wand. In diesem Fall kann es sogar im Sommer empfindlich frisch werden. 


Ein „Best of“ an Touren in der Wand zu definieren, ist natürlich vermessen und wie immer Geschmackssache. Eigentlich müsste man für jeden halben Schwierigkeitsgrad eine Best of-Route aufführen, so viele gute Linien gibt es dort oben. Ich beschränke mich deshalb auf 3, die mir persönlich besonders in Erinnerung blieben. Was alle drei Routen gemeinsam haben ist, dass sie eher den ambitionierten Alpinkletterer ansprechen werden, als den Genusskletterer. 


Die „Friedenspfeife“ wurde 1995 von den beiden Locals Benni Hangl und Heinz Zak erstbegangen. Im Wetterstein-Führer vom Panico-Verlag kann man lesen: „Sehr gut gesicherte, ideale Einsteigerroute in die neuen mit Klemmkeilen und Bohrhaken gesicherten Sportkletterrouten.“ Da hat der Heinz die Route vielleicht etwas verharmlost. Mit einer Einsteigerroute hat die Tour sicher nichts zu tun. Aber das lässt sich am damals angegebenen Schwierigkeitsgrad von VIII+ schon erahnen. Wenn man öfter im Schüsselkar war, einige der schwereren Routen kennt und die „Friedenspfeife“ in Relation mit Linien wie „Doc Holiday“, „Leben im Sonnenschein“ oder „Supernova“ betrachtet, kann man sicher von einer Einsteigertour sprechen…Wahrscheinlich gab es ein paar Anregungen von Begehern an den Verlag. Das hat im neuen Führer von 2016 zu einem lieb gemeinten Hinweis geführt: „Die Schwierigkeiten sollten sicher beherrscht werden. Stürze von 10-15 Metern im VIIer Gelände sind möglich und die Absicherung ist nicht immer einfach.“ So ändern sich die Zeiten und auch die Schwierigkeiten haben sich auf IX- erhöht. It´s magic… 


Soviel dazu. Wir haben die Route im Juni 2014 gemacht und mir persönlich hat sie sehr gut gefallen. Absolut traumhafter Fels und abwechslungsreiche Kletterei. Hier wird wirklich alles geboten. Es wechseln Verschneidungen mit Platten, kleinen Dächern und fantastischer Wandkletterei in löchrigem Fels. Überall wo selber abgesichert werden kann, sollte man das auch tun. Bohrhaken stecken nur in den kompaktesten Passagen. Eine dieser Stellen ist die ar...glatte Platte in der zweiten Seillänge. Hier braucht man ein sehr gutes Körpergefühl und absolutes Vertrauen in die Reibungssohle. Sonst ist wahrscheinlich schon hier Schluss. Außer man umgeht die Länge im „Bayerischen Traum“. 


Aufpassen sollte man auch in der dritten superschönen Länge. Zwar ist man hier nur im VII. Grad unterwegs, aber am Ende fehlt eine Bohrhakenlasche. Ein gelber Cam, etwas davor, kann die Situation aber entschärfen und Bastelspaß mit einem Keil über dem Bohrhakenstift beruhigt zumindest die Nerven. Oder man nimmt halt einfach eine neue Lasche mit, jetzt da man es weiss… Danach folgen vier eindrucksvolle Seillängen. In der letzten Länge warten noch ein paar offene Türen, bevor man auf die „Peters-Haringer“ trifft. Von hier geht es entweder über diese weiter zum Gipfel, oder man seilt über den „Bayerischen Traum“ ab. 


Im November 2015 ging es dann in den „Hexentanz der Nerven“, VII+. Diese Route hat nicht nur einen brauchbaren Namen, sondern auch einen sagenhaften Ruf. Erstbegangen wurde auch diese Linie von Heinz Zak zusammen mit H. J. Leis im Herbst 1980. Der Führer spricht von „ernster Freikletterei an sehr rauem und wasserzerfressenem Fels“. Recht hat er. Über den Vorbau erreicht man eine Verschneidung und nach circa 50 Meter wird Stand an einem markanten Zapfen gemacht. Damit hat man den Einstieg in die Route gefunden. Nun folgt eine steile Verschneidung, die sich auch piazen lässt. Über eine Platte und einen Riss darin führt die nächste Länge bis zum Beginn einer Rampe. Dieser folgt man, um im Anschluss über eine Wandstelle zum oft nassen, aber gutgriffigen Überhang zu gelangen. Danach erreicht man über einen Riss einen unangenehmen Hängestand. 


Jetzt kommt die Schlüsselstelle der Tour. Diese geht trotz ihrer Kürze an die Ausdauer und darf auch selber abgesichert werden. Ich würde die Seillänge etwas aufwerten (VII+ oder VII+/VIII-). Die nächste Länge kann man gleich noch dran hängen, bevor man die Kreuzung mit „Folies Bergeres“ erreicht. Von dort geht es mit einem gut 30 Meter langen und plattigen Quergang rüber zum „Bayerischen Traum“ und zu dessen gebohrten Standplatz. 


Insgesamt ist die Tour nicht immer ideal abzusichern. In den plattigen Passagen muss auch mal einige Meter von der letzten Sicherung weg geklettert werden, ohne die Nerven zu verlieren. Ich würde Cams 0.1-3 und 0.3-2 doppelt empfehlen, da auch die meisten Standplätze verstärkt werden müssen und nur ganz wenige Schlaghaken oder Sanduhren fix sind. Ab dem „Bayerischen Traum“ kann über diesen und die „Peters-Haringer“ zum Gipfel geklettert werden oder über den „Bayerischen Traum“ abgeseilt werden. David und mir gelang die Route im Onsight und somit wieder mal ein perfekter Klettertag an der Schüsselkar. 


Im Oktober 2018 war dann endlich die „Locker vom Hocker“, VIII-/VIII von Wolfgang Güllich und Kurt Albert fällig. Hier handelt es sich mit Sicherheit, um eine der berühmtesten und immer noch berüchtigtsten Alpintouren im deutschsprachigen Alpenraum. Zig mal bin ich unter dieser unglaublich glatten, wellenartigen Plattenwand durch gelatscht und habe mir im Geiste die Kletterei in der ersten Seillänge vorgestellt. Jedes Mal stellte sich ein ungutes Gefühl in der Magengrube ein. Auch am Tag X waren die Voraussetzungen nicht ganz ideal. Am Vortag waren Anderl und ich auf einer Hochzeit und haben uns den Freuden des Hopfensaftes hingegeben. Gut, dass der Zustieg 2 Stunden dauert und der Vortag wieder rausgeschwitzt werden konnte. 


Auf jeden Fall waren wir gut gestärkt. Die erste Seillänge ist zwar pumpig, aber lief uns beiden sehr gut rein. Die etwas unangenehme, weil splittrige zweite Seillänge war ebenfalls kein Problem und der Quergang der dritten Länge nur Formsache. Jetzt standen wir unter der Schlüssellänge der Tour. Zuerst geht es in einem Riss in die Platte. In diesem können gute Cams versenkt werden. Wo der Riss endet, geht es rechts in die Platte. Hier muss man blitzsauber antreten und sich zu einer Leiste retten. Hier kann dann ein Bohrhaken geclippt werden, bevor es, immer noch anspruchsvoll, über eine Platte mit seichten Löchern und einem weiteren Bolt zum Stand geht. Yeehaa, auch das gelang uns auf Anhieb! 


Der schwerste Teil der Route lag also hinter uns, aber vorbei war sie noch lange nicht. Danach wird das Gelände leichter und dem Panico-Topo (das stimmt übrigens!) folgend, klettern wir in den oberen Wandteil. Nach einer kürzeren Risslänge erreicht man ein Bandl mit Stand. Hier queren viele raus zur „Knapp-Köchler“, wobei man sich entscheidende Seillängen der Tour entgehen lässt. Für uns  geht´s aber rechts um´s Eck, um dann an geeigneter Stelle, über eine Wand zum nächsten Standplatz mit 3 Schlaghaken zu gelangen. Anschließend klettert man kurz nach rechts um eine Kante und dann in einer Verschneidung hoch zum nächsten Stand mit 2 Bohrhaken. 


Hier wird es dann nochmal ernst. Ein letzter Rausschmeißer wartet. Es geht links vom Stand einen etwas brüchigen Riss hoch. Anschließend geht es unangenehm und splittrig in einen steilen, anstrengenden Hand- und Fingerriss. Dem Riss folgt man dann, leichter und flacher werdend, in einer Platte bis zum nächsten Standplatz mit 3 Schlaghaken. Geil, auch diese nochmal etwas fiese Seillänge hat uns nicht mehr abgeworfen! In der letzten Länge wird dann durch einen Überhang eine Verschneidung erreicht und anschließend wieder leichter werdend zum Grat geklettert (1 BH). Am Ende hatten wir einen perfekten Tag bei Traumwetter und dem Onsight dieser Ausnahme-Route in der Tasche! Nach 3:45 Stunden konnten wir glücklich den Abstieg über den Westgrat antreten und am Ende die Wettersteinhütte für ein isotonisches Kaltgetränk aufsuchen! Ich würde in der „Locker vom Hocker“ Cams 0.2-2 und 0.5-1 doppelt, sowie einen Satz Keile empfehlen.